Bernd Boden: Dismatched

  • Selbstverlag
  • 686 Seiten

Klappentext: „Freiheit und Schicksal mit der Chance auf Glück oder Berechenbarkeit und Sicherheit in garantiertem Mittelmaß?

Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten:
Die Urb: Nach dem Finalen Kataklysmus haben sich die Menschen bedingungslos dem Takt des Systems überantwortet und führen ein absolut gleichförmiges Leben in totaler Berechenbarkeit und Absicherung. Ein individuelles Schicksal ist weder erwünscht noch möglich.
Unter dem Diktat einer rationalen WirtschaftsSozialität sind die gemittelten Citizens Inputgeber für das autarke und verselbstständigte System. Jegliches Verhalten, das vom Mittel-wert des SocialScore abweicht, wird sanktioniert und ausgemerzt, Trüme werden unterdrückt, Bücher sind in Vergessenheit geraten.
Die Klave: Angesichts der Schrecken der Großen Verderbnis haben die Mütter gemäß der Weisung der Großen Mondin ein ÖkoMatriarchat errichtet und führen die Mannlinge, deren Ungestüm und geradliniges Denken die Welt an den Rand der Katastrophe gebracht haben, mit strenger Hand. Der Zeugungsträger Brachvogel will die engen Kreisläufe der Klave durchbrechen und den offenen Horizont gewinnen.

Als aufstrebende Scout der Agency of SocialTechnique recentert View Abweichler, Dismatchte, die aus dem Mittel gefallen sind. Die Konturen ihres perfekten Lebens sind quantifiziert und vermessen und erstrecken sich klar vor ihr wie das feste Band der AntiGrav, über das die Verkehrs- und Warenströme der Urb verlaufen. Doch als sie während ihrer nächtlichen Regenerationsphase die ersten Träume hat und ihr Bücher zugespielt werden, die ein gänzlich anderes Leben vorstellbar machen, beginnt sie, allmählich aus dem Takt zu fallen.
Aber als angepasste und verhaltensgemittelte Citizen völlig in den digitalen Kokon aus Komfort, Sicherheit und Absehbarkeit ihres Lebens eingesponnen, ist es für sie zunächst unmöglich, ihre Karriere aufzugeben und die Seiten zu wechseln.
Erst die Traumschiffer der Oneironauten, die Begegnung mit Diver, dem dichtenden cerebralen Cyborg, und die Liebe zu Brachvogel, dem Mannling aus der Klave der Mütter, zwingen sie, eine Entscheidung zu treffen …“

Die „phantastische Dystopie“ von Bernd Boden hat einen nicht unbeträchtlichen Umfang – viele Seiten, kleine Schrift – wer das lesen möchte, muss Zeit mitbringen. Zeit und Geduld, denn die ersten Kapitel sind nicht einfach, viel Inhalt und Information, bei denn man aufpassen muss, nichts zu überlesen. Alle Details wird man nach dem ersten Lesen wahrscheinlich ohnehin nicht entdecken, denn wenn man genau hinschaut, sind sehr viele davon versteckt. Und das ist auch mitunter die größte Stärke des Buches: die Welten sind gut durchdacht, jede von ihnen hat ihren eigenen Reiz, ihre eigenen Regeln, unterscheidet sich von der anderen. Genau hinschauen lohnt sich!

Da gibt es auf der einen Seite die Urb, eine dystopische Welt, wie man sie sich vorstellt: Technik, so weit das Auge reicht, Konfliktpotential minimiert, Optimierungsangebot maximiert, auf den ersten Blick eine durchgetaktete Welt, in der man leben könnte, wenn nicht, wie in jedem System, Dinge unter der Oberfläche brodeln würden, die normalerweise niemand zu Gesicht bekommt. Was die Urb mitbringt: haufenweise Anglizismen und eine ausgefeilte, wenn auch kompliziert erscheinende Welt. Mittendrin: View, die Protagonistin.

Dann ist da noch die Klave. Im Gegensatz zur Urb nahezu vorsintflutlich. Aber auch hier gibt es Besonderheiten: das Matriarchat und der Glaube an die Mondin. Nicht nur sprachlich eine komplett andere Welt. Brachvogel, der in dieser Welt unser Protagonist ist, hat seinen eigenen Kopf und seine eigenen Vorstellungen – ob das in seiner Gemeinschaft so gut ankommt? Jedenfalls hat jede Welt ihre eigene Zeitrechnung, ihre eigene Sprache und eigene Umgangsformen, sodass man beinahe einen Kulturschock bekommt, wenn die Sicht wechselt. Allerdings ist auch sofort klar, wo wir uns gerade befinden. Der Kontrast passt gut und verliert sich an keiner Stelle. Sprachlich passt da alles, jeder Wechsel zwischen den Welten ist ein kleiner Bruch. Vielleicht ist das Buch auch deshalb nicht besonders leicht zu lesen: viele neue Begriffe, je nach Welt unterschiedlich, anfangs fühlt man sich als Leser beinahe erschlagen von der Informationsflut. In der Urb sind viele technische Informationen und Begriffe, die man sich zwar herleiten kann, die aber erstmal irritierend wirken, in der Klave ist die Sprache eher altertümlich, die Rituale und Gepflogenheiten müssen auch erstmal verarbeitet werden. Bis man sich als Leser da eingefunden hat, können schon ein paar Seiten vergehen. Viel mehr Worte will ich zum Inhalt gar nicht verlieren – um alles kurz zusammenzufassen, ist das Buch zu umfangreich und zu komplex.

Leicht gefallen ist mir der Einstieg daher nicht. Die ersten hundert Seiten waren noch recht sperrig – das mag lang erscheinen, allerdings ist das Buch auch einfach sehr umfangreich. Umso besser war es dann, als der Lesefluss sich eingestellt hat – dann konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen und wollte unbedingt wissen, welchen Ausgang die Geschichte um View und Brachvogel nimmt. Hierbei ist noch zu erwähnen (ohne dabei zu spoilern), dass der Autor sich an keiner Stelle in Kitsch verliert oder vorhersehbar wird. Verlauf und Ende der Geschichte sind logisch und nachvollziehbar. Hat man sich auf das Werk erst einmal eingelassen, bekommt man für die investierte Zeit auch ordentlich etwas geboten: eine oder besser gesagt zwei Welten, denen man anmerkt, dass sich jemand Gedanken gemacht hat, Protagonisten, bei denen es ebenso ist und viele interessante Details. Ich denke schon, dass der Anfang vielleicht ein wenig gekürzt werden könnte, damit der Einstieg ein wenig leichter fällt, aber davon abgesehen habe ich die Leseerfahrung als lohnend empfunden und bin froh, dass ich drangeblieben bin. Wer den „Lesegenuss für zwischendurch“, wie man so schön sagt, sucht, der sollte woanders gucken. Wer sich jedoch nicht vor Anspruch und vielen Seiten scheut, der könnte hier einen versteckten Schatz finden.

Fazit: Wenn man Zeit, Konzentration und Geduld mitbringt, kann man hier eine wirklich schöne Leseerfahrung mitnehmen. Ich bin froh, dass ich drangeblieben bin.

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