Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert

  • Verlag: btb (2019)
  • 176 Seiten

Klappentext: „Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Aussage steht gegen Aussage. Nach zwei Monaten nah an der Verzweiflung zeigt Anna Jonas schließlich an, doch im Freundeskreis hängt bald das Wort „Falschbeschuldigung“ in der Luft. Jonas’ und Annas Glaubwürdigkeit und ihre Freundschaften werden aufs Spiel gesetzt.“

Gute Annäherung an ein komplexes Thema

Das Thema, welchem die Autorin sich hier widmet, ist ebenso komplex wie aktuell. Jonas und Anna landen nach einer Party und reichlich Alkohol miteinander im Bett. Später sagt Anna, es wäre eine Vergewaltigung gewesen. Sie hätte Nein gesagt und versucht, sich zu wehren. Jonas ist dagegen überzeugt davon, dass der Sex einvernehmlich war. Anna stellt eine Anzeige – die juristischen und persönlichen Folgen davon werden im Buch thematisiert. Hier zeigt sich deutlich, welche Folgen dies für alle Beteiligten hat. Für Anna, die aus einer juristischen Perspektive kaum eine Chance hat, aber auch für Jonas, der nun einige Leute gegen sich hat, allen voran die neu gegründete Support Awareness Group. Man sieht, wie fein die Grenzen sind, die den Unterschied zwischen Missbrauch und einem betrunkenen Fehler sind und wie leicht sie übertreten werden können – auch von jemandem, der gar keine schlechten Absichten hatte.

Wir begleiten zwei Menschen. Anna mit ihrer Depression, ihrer Hilflosigkeit. Jonas mit dem Gefühl, als Vergewaltiger gebrandmarkt zu sein. Beide Leben sind in Trümmern. Besonders bemerkenswert finde ich, dass das Buch an sich völlig wertfrei geschrieben ist. Es werden alle Seiten beleuchtet, die von Anna, von Jonas und die von den Personen aus ihrem Umfeld, die auf einer Seite stehen oder irgendwo dazwischen stecken. Von der Erzählinstanz wird keine Seite eingenommen, die Ereignisse werden neutral berichtet, geradezu protokollartig dargestellt. Sprachlich bleibt es auch recht nüchtern, passend zum Schreibstil. So wird erreicht, dass am Ende beide Seiten glaubwürdig erscheinen. Die Frage ist also nicht unbedingt, wer von beiden Recht hat, denn letztendlich ist diese Geschichte viel zu komplex, um sie mit einem simplen „er ist schuld, sie ist schuld“ beantworten zu können. Vielmehr merkt man beim Lesen, dass es für manche Sachverhalte keine einfache Lösung geben kann. Die Grenzen, die eigentlich klar zu sein scheinen, sind es eben doch nicht immer.

Es ist sicher nicht leicht, über dieses Thema zu schreiben, ohne dabei zu werten oder sich an der Hitze der aktuellen Debatte (Stichwort: metoo) die Finger zu verbrennen. Doch Bettina Wilpert hat es geschafft. Dies macht das Buch so lesenswert. Außerdem bietet dieses Buch eine gute Diskussionsgrundlage. Es gibt keine Knalleffekte, die Autorin schockiert nicht mit irgendwelchen wilden Verstrickungen, es ist einfach eine Geschichte, wie sie im wahren Leben passieren könnte und mit Sicherheit auch schon oft passiert ist. Und der Leser kann sich seine Meinung bilden, was wesentlich schwieriger ist, als es zunächst klingt.

Fazit: Komplexes Buch zu einem aktuellen und viel diskutierten Thema. Absolut lesenswert!

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